Es gibt Festivals, die ihren Namen aus der nordischen Mythologie ziehen. Und es gibt Festivals, die ihn vom monatlichen Mett-Essen im Freundeskreis haben.
Das Mett(4)all Festival gehört klar zur zweiten Sorte. Angefangen hat alles im Sommer 2020, als Benedikt sich sein Festival in den eigenen Garten holte, weil Corona die Saison gefressen hatte. Danach saßen er, Christian und Dennis auf der Terrasse, und es fiel der Satz, mit dem in Deutschland jede Institution beginnt: Wollen wir das nicht richtig machen? Jan kam dazu, ein Sparbuch wurde angelegt, später ein e.V. gegründet. Und weil man sich einmal im Monat zum Mett traf und Metal die gemeinsame Musikrichtung war, war der Name nach zehn Minuten durch. Met(t)al, ein Genre mit Belag.
Am Samstag, 19. September steigt die vierte Auflage, im Waldfreibad Walbeck bei Geldern, dort wo der linke Niederrhein schon fast Holland ist. Das Freibad ist dabei kein Notbehelf, sondern der eigentliche Trick: 1961 eröffnet, rund 100.000 Quadratmeter Liegewiese, eines der größten Bäder Deutschlands. Die Bühne steht unten, das Publikum liegt oben am Hang. Wer aus dem Pit raus will, legt sich ins Gras und schaut von dort.
60 Kilo, und ein Igel davon
Die Orga rechnet für diesen Samstag mit 60 Kilo Mett. Das klingt nach einer Zahl für die Pressemitteilung, ist aber der eigentliche Kraftakt des Wochenendes. Man muss dazu wissen: Am Niederrhein ist Mett kein Partysnack, sondern Grundnahrungsmittel. Das Mettbrötchen ist hier die Zwischenmahlzeit, das Frühstück, das Trostpflaster und der Schlusspunkt einer Diskussion; es liegt an jeder Fleischtheke und steht auf jedem Vereinsfest. Der Mettwoch ist manchen heiliger als der Sonntag. Ein Festival, das sich danach benennt, macht also keinen Gag, sondern eine Ortsangabe.
Trotzdem bestellt man 60 Kilo rohes Hackfleisch nicht nebenbei mit. Das ist die Art Bestellung, bei der an der Theke erst kurz Stille eintritt und dann eine Frühschicht eingeplant wird. Zehn Bands bekommt man mit Telefon und Geduld gebucht; tausend frische Mettbrötchen über einen ganzen Festivaltag zu verteilen, ist Handwerk — und man darf davon ausgehen, dass an diesem Wochenende ein paar Metzgereien am Niederrhein sehr genau wissen, warum ihr Wolf nicht zum Stillstand kommt.
Zehn dieser 60 Kilo verlassen die Schüssel nicht als Brötchenbelag, sondern als ein einziger Mettigel. Zehn Kilo. Das ist etwa das Gewicht eines Gitarrenverstärkers, nur aus rohem Schwein, mit Zwiebelstacheln und ohne Netzteil. Bleiben 50 Kilo für die Brötchen, grob gerechnet also gut tausend Mettbrötchen — oder etwas weniger, je nachdem, wer sie schmiert. Laut Ticketshop sind sie im Ticket inklusive, „zum Frühstück und zu später Stunde". Deshalb öffnet das Gelände auch schon um 9:00 Uhr. Mett ist ernährungswissenschaftlich betrachtet ein Frühstück, und dieses Festival nimmt das ernst.
Einmal müssen wir aber meckern
Das Logo zeigt einen Adler, der ein Mettbrötchen in den Krallen hält. Gut gezeichnet, richtige Ästhetik, kein Clipart-Unfall. Nur: Wer genau hinsieht — und wir haben genau hingesehen —, zählt auf diesem Brötchen exakt zwei Zwiebelringe.
Zwei. Auf einem ganzen Mettbrötchen.
Wir wollen nichts unterstellen. Vielleicht liegen die übrigen Ringe unter der Kralle. Vielleicht hält der Adler das Brötchen auch nur deshalb so fest, weil er weiß, dass die Belegung einer Prüfung nicht standhält. Aber die Optik ist eindeutig, und weil es sonst niemand sagt, sagen wir es: Bei 60 Kilo Mett muss die Zwiebelversorgung besser skalieren als im eigenen Wappen. Ein Hinweis für die Auflage 2027, ganz ohne Groll.
Zehn Bands, und die halbe Nachbarschaft
Ganz oben Equilibrium — seit 2001 unterwegs, Folk und Pagan Metal aus Volksmelodie, Bombast und Blastbeats, und damit die größte Nummer, die dieses Freibad bisher gesehen hat.
Darunter wird es auffällig regional. Never Back Down aus Heinsberg mischen Hardcore, Beatdown und Metalcore und haben über 250 Konzerte hinter sich. CrashPilots kommen aus Moers, Metalcore, zuletzt mit einem Livealbum aus der Röhre. Terradown fahren aus Breda hoch, 45 Minuten über die Grenze, melodischer Death- und Groove-Metal. Und Aegror wurden 2009 in Geldern gegründet: progressiver Black Metal und melodischer Death Metal, seit dem Debüt „De Morbis" eine Geschichte über den Plaguebreeder — Heimspiel im Freibad des eigenen Ortes.
Dazu das Regensburger Doppel Deadend, Metalcore mit eigenem DJ und Breakdowns, und alqemiste, die Metal und Deathcore mit Trap-Beats und Synths verrühren. Komplett wird das Line-up von Interia, Redish und Keep Me Alive.
Die Running Order
Das Gelände öffnet um 9:00 Uhr, die erste Band steht um 10:00 auf der Bühne. Wer pünktlich kommt, hat also genau eine Stunde Mettbrötchen-Vorsprung.
10:00 Terradown
11:00 CrashPilots
12:00 Keep Me Alive
13:00 Aegror
14:15 Redish
15:30 Deadend
16:45 alqemiste
18:00 Interia
19:30 Never Back Down
21:00 Equilibrium
Die Sets werden im Laufe des Tages länger: eine halbe Stunde für die drei Eröffner, 45 Minuten für die Mittagsschicht, je eine ganze Stunde für Interia, Never Back Down und Equilibrium. Um 22:00 Uhr ist die Bühne durch, das Gelände bleibt bis 23:00 Uhr offen.
Das Praktische
Tickets: Tagesticket Samstag 50 €, Feierabendticket (ab 18 Uhr) 35 €, Wochenendticket 55 €, Wochenende mit Camping 70 €, Wohnmobil oder Wohnwagen je 40 €.
Camping: Freitag, 18.09., ab 17:00 Uhr bis Sonntag, 20.09., 13:00 Uhr.
Einlass: ab 18, ab 16 nur mit erziehungsbeauftragter Person und Jugendschutzformular.
Sonst: kein eigener Alkohol, kein Glas, Parken kostenlos, Bus RUF 35 ab Bahnhof Geldern (rund 30 Minuten).
Und ein Satz, den man selten in einem Festival-FAQ liest: „Aktuell stehen alle Geldautomaten in Walbeck wegen Sprengungen nicht zur Verfügung." Der nächste Automat steht in Geldern, auf dem Gelände geht Karte.
Bleibt der Zweck, den die Veranstalter an ihr Festival hängen: Der Verein fördert Rock, Metal, Punk und Alternative am linken Niederrhein, weil es das dort sonst kaum gibt, und sucht dafür bevorzugt lokale Bands. Und er sammelt für das Ronald McDonald Haus in Essen, in dem Familien schwer kranker Kinder während der Behandlung wohnen können — ein Vereinsmitglied hat selbst eine Krebserkrankung überstanden und die Einrichtung dabei kennengelernt.
Drei Zahlen stehen damit fest: zehn Bands, 60 Kilo Mett, zwei Zwiebelringe. Nur eine davon würden wir nachverhandeln.











